Multi-Channel-Marketing (MCM) bezeichnet im Allgemeinen den gleichzeitigen
Einsatz mehrerer Marketing-Kanäle eines Unternehmens.124
Vorrangig geht es in der wissenschaftlichen Diskussion um den Einsatz
mehrerer Absatzkanäle eines Unternehmens, dennoch stellen diese immer
gleichzeitig auch Kommunikationskanäle dar.125
Der Begriff des Multi-Channel-Marketing wird in der Literatur relativ inflationär
verwendet.126 In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keine einheitliche
Begriffswahl für Mehrkanalsysteme, neben dem Begriff Multi-
Channel-Marketing127 werden teilweise auch andere Begriffe verwendet
wie z.B. ‚Multikanal-Marketingsysteme’128,Multi-Channel-Distribution’129
oder ‚Multi-Kanalstrategien’130. Auch in der Definition unterscheiden sich
viele Ansätze. Gemein ist aber fast allen Definitionsversuchen der parallele
Einsatz mehrerer Absatzkanäle als notwendige Bedingung für das Vorliegen
eines Multi-Channel-Marketing.131
Bei der Anzahl der Absatzkanäle eines MCM gibt es keine einheitliche Definition,
bereits bei der Existenz von zwei Absatzwegen kann aber von einem
Multi-Channel-Marketing gesprochen werden.132 Darüber hinaus bedeutet
ein Absatz über mehrere Absatzkanäle noch kein Multi-Channel-
Marketing, vielmehr gelten zusätzlich ein wesentlicher Sortimentszusammenhang
und eine Integration der einzelnen Kanäle zu einem Gesamtsystem
als Mindestanforderungen für ein ‚echtes’ Multi-Channel-Marketing.133 Die aktive Planung, Organisation und Kontrolle der verschiedenen
Kanäle beim Multi-Channel-Marketing wird auch Multi-
Channel-Management genannt.134
Zum Teil wird für Mehrkanalsysteme innerhalb der Distribution von Handelsunternehmen
im Speziellen auch der Begriff des Multi-Channel-
Retailing verwendet.135 Häufig werden die Begriffe Multi-Channel-
Marketing und Multi-Channel-Retailing jedoch synonym verwendet.
Die einzelnen Kanäle müssen beim MCM nicht zwingend konzeptionell
unterschiedlich sein (z.B. Supermarkt und Kaufhaus), jedoch gehen eng
gefasste Definitionen von unterschiedlichen Vertriebstypen (z.B. stationärer
Handel und Versandhandel) aus.136 Oft wird der Begriff ‚Multi-
Channel-Marketing’ auch speziell als Synonym für den kombinierten Vertrieb
über das Internet und den traditionellen Handel verwendet.137 In dieser
Studie wird jedoch auf die Definition von BURMANN/WENSKE zurückgegriffen
und Multi-Channel-Marketing folgendermaßen definiert:
„Multi-Channel-Marketing kennzeichnet den parallelen, integrierten und koordinierten
Einsatz verschiedener Ansprache-, Vertriebs- und Servicekanäle.“138
Diese Definition schließt Marketingformen aus, bei denen die Kanäle
nicht integriert eingesetzt werden. Der Literatur einiger Autoren folgend
werden nicht-integrierte Formen daher als ‚Multiple-Channel-Marketing’
bezeichnet und nicht weiter in dieser Studie behandelt.139
Bei einem Multi-Channel-Händler kann der Kunde eines Unternehmens
zwischen verschiedenen Kanälen wählen, um mit diesem in Kontakt zu
treten. Ein Kanal kann z.B. eine Filiale, ein Katalog oder auch ein Online-
Shop sein.140 Die Zahl der Unternehmen, die nur über einen Absatzkanal verfügen,
nimmt stetig ab,141 Mehrkanalsysteme scheinen sich daher einer zunehmenden
Beliebtheit zu erfreuen.142 Unternehmen, die Multi-Channel-
Marketing betreiben sind z.B. Karstadt, Quelle, Neckermann oder der Otto-
Versand. Dieser ist der zweitgrößte E-Commerce-Händler in Deutschland
nach Amazon, sein Schwerpunkt liegt auf Textilien und Bekleidung.
143 Fast alle traditionellen Versandhändler haben mittlerweile das
Internet adaptiert und sich so als Multi-Channel-Händler aufgestellt.144
Multi-Channel-Marketing setzt nicht das Internet als Absatzkanal voraus,
jedoch wird von zunehmend mehr Unternehmen das Internet aufgrund
dessen großer Potentiale im Rahmen einer Multi-Channel-Strategie eingesetzt.
145
Unternehmen, die Mehrkanalsysteme der Distribution einsetzen, werden
allgemein als ‚Multi-Channel-Unternehmen’ bezeichnet. Dennoch werden
oft nur solche Unternehmen darunter verstanden, die über die drei Kanäle
Geschäft (stationärer Handel), Versandkatalog und Online-Shop (Online-
Handel) verfügen. Stationäre Einzelhändler, die zusätzlich einen Online-
Shop betreiben, werden so nicht als Multi-Channel-Unternehmen behandelt,
obwohl diese auch mehrere Kanäle (zwei) parallel einsetzen. Die
Kombination der drei Kanäle Geschäft, Katalog und Online-Shop gilt insofern
allgemein als Standard-Definition für ein Multi-Channel-
Unternehmen.146
Dennoch betreiben auch Unternehmen mit zwei Absatzkanälen Multi-
Channel-Marketing.147
Fussnoten
123 Schramm-Klein (2003a), S. 32.
124 Vgl. Burmann/Wenske (2007), S. 196.
125 Siehe Punkt 2.1 auf S. 5 dieser Studie.
126 Vgl. van Baal/Hudetz (2005), S. 137.
127 Vgl. Hurth (2001); Bachem (2004); Wirtz (2007).
128 Vgl. Kotler/Bliemel (2006), S. 1111ff.
129 Vgl. Schramm-Klein (2003a), S. 16.
130 Vgl. Müller-Lankenau (2007); Ahlert/Blut/Michaelis (2007), S. 275.
131 Zu einer genaueren Übersicht der Definitionsansätze vgl. Schramm-Klein (2003a),
S. 16ff. sowie Schramm-Klein (2006), S. 504.
132 Vgl. Hurth (2001), S. 463; Wirtz (2002), S. 676.
133 Vgl. Hurth (2001), S. 469; Schramm-Klein (2003a), S. 21; Theis (2006), S. 8 und 27f.
134 Vgl. van Baal/Hudetz (2005), S. 140f.
135 Vgl. Schramm-Klein (2003a); Schröder (2005); Hansen/Madlberger (2007), S.
765ff.
136 Vgl. Schramm-Klein (2003a), S. 18.
137 Vgl. Müller-Lankenau (2007), S. 2.
138 Burmann/Wenske (2007), S. 198.
139 Einige Autoren sehen eine Differenzierung der Absatzkanäle nicht als Strategieoption
innerhalb eines MCM an, sondern definieren grundsätzlich eine integrierte
Strategie als Voraussetzung für das Vorliegen eines MCM-Systems, vgl. hierzu
Burmann/Wenske (2007), S. 198; Ahlert/Blut/Michaelis (2007), S. 275. Nichtintegrierte
Strategien werden hier im Gegensatz zu Multi-Channel-Strategien als
‚Multiple-Channel’-Strategien bezeichnet und abgegrenzt.
140 Vgl. Schröder/Zaharia (2007), S. 84.
141 Vgl. Schramm-Klein (2003a), S. 42.
142 Vgl. Billen/Weiber (2007), S. 45.
143 Vgl. Engberding/Wastl (2003), S. 144.
144 Vgl. Burgard (2006), S. 72.
145 Vgl. Wirtz/Sammerl (2006), S. 435.
146 Vgl. Bauer (2001), S. 54.
147 Auch Vertriebs-Systeme mit zwei Absatzkanälen werden unter dem Begriff ‚Multi-
Channel’ subsumiert, vgl. hierzu van Baal/Hudetz (2005), S. 140.
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Über den Autor:
Stefan Kock, Jahrgang 1979, studierte Betriebswirtschaftslehre und Kommunikations-wissenschaften
an der Universität Lüneburg sowie Marketing an der Angelo State University
in Texas, USA. Aktuell arbeitet der Autor als SEM Experte & Web Analyst
bei einem eCommerce-Unternehmen in Hamburg.